Barbus cf. lineomaculatus – eine interessante Barbe aus Afrika

von Stefan PAHL, Neuenhagen bei Berlin – erschienen im BSSW Report 1-2008

2Im April 2007 bekam ich von unserem neuen Redakteur des BSSW Reports, Martin GRIMM, eine E-Mail mit dem Hilferuf, dass der Redaktion keine Beiträge für die Sparte Barben vorliegen und ich mich als Spartenleiter doch einmal dahin gehend umhorchen sollte. Nun – die Situation, dass sich sicherlich nicht wenige Mitglieder auch mit dieser Fischgruppe beschäftigen, aber scheinbar nichts darüber zu berichten haben, ist ja leider bekannt und wurde bereits des Öfteren im BSSW Report angesprochen. Ganz ,nebenbei“ und sicher ohne Hintergedanken, war in Martins E-Mail aber auch noch das Angebot enthalten, zwei Paare einer afrikanischen Barbe bekommen zu können, die er mit Barbus cf. lineomaculatus ansprach. Die Fische hatte er unlängst von einer Reise durch Tansania mitgebracht und wollte oder musste sich aufgrund von Platzmangel von ihnen trennen.

Zugegebenermaßen waren mir Barben vom afrikanischen Kontinent bisher nur in der Literatur begegnet, oder auf einigen wenigen Ausstellungen. Mein Wissen über afrikanische Barben beschränkte sich daher im Grunde auf zwei Aussagen, nämlich dass es sich zum einen um wenig farbenprächtige Fische handeln würde und zum anderen, dass diese nur selten im Handel auftauchen und demnach kaum gepflegt werden.3

Während mich der erste Punkt nicht abschrecken konnte – schließlich sind viele meiner Pfleglinge wie etwa Puntius vittatus, Corydoras aeneus oder Sturisomatichthys sp. „Kolumbien“ ebenfalls keine ,Farbwunder“ – war der zweite Punkt für mich so etwas wie eine Herausforderung, denn ich fand keine Erfahrungsberichte über Barbus lineomaculatus.

4Mein Einwand Martin gegenüber, dass auch in meinen Aquarien der Platz durch diverse ,Erhaltungsprogramme“ begrenzt sei und man nach meinem Verständnis mit der Anschaffung neuer Tiere auch die Verpflichtung übernehmen sollte, diese über längere Zeit nicht zu halten sondern auch zu erhalten, beantwortete Martin kurzerhand recht pragmatisch:
,… ich denke nicht, dass es so schwierig wird, neue Tiere aufzutreiben. Ich plane allein für dieses Jahr eine weitere Uganda-Reise, welche sicher auch nicht die Letzte sein wird. Ich weiß, wo die Tiere schwimmen und wie man sie fängt. Also keine Panik …“.

Natürlich gingen wir beide davon aus, dass wir alles daran setzen würden, damit die Tiere den Transport unbeschadet überstehen und 5bestens untergebracht werden, aber Unfälle sind ja bekanntlich nicht ausgeschlossen. Im Rahmen des diesjährigen Mecklenburger-Welstreffens konnte für alle Beteiligten bequem die Übergabe der Fische organisiert werden, sodass ich Ende April 2007 die besagten vier Tiere von Martin übernehmen konnte. Die 6Neuzugänge schaute ich mir noch gleich bei der Übergabe im Transportbeutel an und war enorm beruhigt, dass die Tiere nur etwa fünf bis sechs Zentimeter groß waren, denn somit würde vorerst kein größeres Becken für die Unterbringung erforderlich werden. Wieder zu Hause angelangt kamen die Fische nach allmählicher Angleichung der Wasserwerte in ein separates 50-Liter-Aquarium. Ich verwende übrigens zwei bis drei Tage abgestandenes Leitungswasser, das ich mit Regenwasser im Verhältnis 1:2 mische. Dabei ergibt sich eine elektrische Leitfähigkeit von etwa 200 S/cm und ein pH-Wert um 7. Die Wassertemperatur beträgt in meinen Aquarien in der Regel 22 bis 24 °C. Ein kleiner Schwamm-Innenfilter diente der Wasserumwälzung und Belüftung.Als Bodengrund wurde ein wenig feiner Sand eingebracht. Das Becken wurde lediglich dicht mit Javamoos (Vesicularia dubyana) und Schwarzwurzelfarn (Microsorum pteropus) eingerichtet, sodass die Tiere ausreichend Deckung vorfanden. Dies erschwerte zwar die Beobachtung und das Fotografieren, aber schließlich sollten sich die Fische gut eingewöhnen. Bereits wenige Tage später konnte ich das Balzen beobachten. Dabei schwammen alle vier 4 Fische unermüdlich umher. Aufgrund der dichten Bepflanzung ließ sich leider kein Ablaichen beobachten.

7Etwa 3 Wochen später konnte ich eines Abends bei ausgeschalteter Beleuchtung und im Schein einer Taschenlampe die ersten beiden Jungfische aufspüren. Damit war klar, dass ich eindeutig beide Geschlechter besaß und dies im Verhältnis 2,2. Ein Geschlechtsdichromatismus besteht bei dieser Art nicht, jedoch ist die Unterscheidung der Geschlechter recht leicht anhand der Körperform möglich. Die Weibchen werden etwas fülliger, als die Männchen, wobei beide Geschlechter offensichtlich gleich groß werden. Die Jungfische saugte ich vorsichtig ab und überführte sie in ein separates Aufzuchtbecken, sodass sie gezielt gefüttert werden konnten. Als Futter reichte ich den Jungfischen anfänglich hauptsächlich Artemia-Nauplien und Essigälchen (Turbatrix aceti), später auch Grindal (Enchytraeus buchholzi) und selbst gefangenes Zooplankton. Hinsichtlich der Fütterung bereiteten weder die Jungfische, noch die Alttiere Probleme, denn es wurden im Grunde alle gängigen Futtersorten, egal ob lebend, gefrostet oder getrocknet, bereitwillig angenommen. Da die Alttiere regelmäßig balzten und wohl auch ablaichten, hatte ich gehofft, dass ich entweder regelmäßig einzelne Jungfische umsetzen könnte oder aber einen Ablaichvorgang abpassen würde, um dann kurz darauf alle Alttiere umzusetzen. Offensichtlich stellten die Alttiere jedoch sowohl den abgelegten Eiern als auch den Larven bzw. Jungfischen zu sehr nach, sodass ich gezwungen war, einen Laichrost zu verwenden. Den Bau eines praxistauglichen Laichgitters beschreibt unter anderem BUCHMANN (2006).

Als Ablaichsubstrat bot ich den Tieren etwas Javamoos an, welches ich vorher lediglich gründlich durchspülte. Alle 4 Tiere wurden Anfang Juli gemeinsam in das so vorbereitete 25-Liter-Zuchtbecken bei den oben beschriebenen Wasserwerten umgesetzt. Etwa zwei bis drei Tage später erfolgte das Ablaichen, welches ich leider nicht beobachten konnte. Unter dem Laichrost fand ich schätzungsweise 100 befruchtete Eier, aber auch zahlreiche unbefruchtete bzw. nicht entwickelte Eier. Bei einem späteren Zuchtansatz, den ich Anfang Dezember 2007 durchführte, hatte ich erneut zwei Paare über einem Laichrost ablaichen lassen. Das Zuchtbecken hatte ich zwei Tage vorher neu hergerichtet und etwa 70 % abgestandenes Leitungswasser dazugegeben und den Rest mit Altwasser aufgefüllt. Die Leitfähigkeit lag bei 520 S/cm und der pH-Wert um 7. Durch die Zugabe von vier Erlenzäpfchen trübte sich das Wasser stark ein, was wohl daran lag, dass die Erlenzäpfchen zwar trocken und ein Jahr abgelagert waren, aber zum Zeitpunkt des Sammelns noch nicht ausgereift waren. Das Auszählen der Eier ergab 475 unbefruchtete bzw. abgestorbene und nur etwa 60 befruchtete bzw. sich entwickelnde Eier. Ich vermute, dass bedingt durch die starke Wassertrübung und einer fehlenden Wasserzirkulation unter dem Laichrost die Sauerstoffversorgung für die Eier nicht optimal war und daher ein Großteil sich nicht entwickeln konnte. Die Eier hatten einen Durchmesser von etwa einem Millimeter und bei 24 °C schlüpften schon nach gut 36 Stunden die ersten Larven.

8Während der ersten Tage hingen die Larven vorwiegend am Substrat und dabei sah es so aus, als würden sie wie an einem unsichtbaren Faden befestigt sein, da sie sich stets in einem gewissen Abstand zum jeweiligen Substrat befanden. Dies konnte ich auch schon bei anderen Barben, wie etwa Puntius arulius, beobachten. Mit dem Freischwimmen der Jungfische, welches vier Tage nach dem Schlüpfen erfolgte, hatte ich auch mit der Fütterung von Pantoffeltierchen sowie Mikro begonnen. Im Alter von vier Wochen hatten die Jungfische eine Länge von etwa 15 Millimeter erreicht und es zeigten sich zwei markante schwarze Flecken, einer am Ansatz der Caudale und einer am Ansatz der Anale, bei ansonsten eher grau-brauner Grundfärbung.9

Im Alter von 8 Wochen, die Tiere maßen etwa zwei Zentimeter, waren entlang der Seitenlinie weitere schwarze Flecken hinzugekommen, die in der nächsten Zeit mehr oder weniger zu einem geschlossenen Band ,zusammenwuchsen“. Hinsichtlich der Färbung überwog bei den Jungfischen eine hellbraune Grundfärbung. Die Schuppen waren an den Rändern dunkel abgesetzt, sodass ein netzartiges Muster entsteht. Mit zunehmendem Alter ähneln Grundfärbung und Zeichnung der Jungfische immer mehr der der Alttiere. Die Aufzucht verlief insgesamt vollkommen problemlos, wobei natürlich die grundlegenden Anforderungen an Futter und Wasserpflege zu erfüllen waren.

Interessanterweise fanden sich bei zahlreichen Jungfischen aus dem ersten Zuchtansatz Deformationen der Flossen und der Maulpartie, wie man anhand des Fotos (Abb. 8 ) gut erkennen kann. Über die Ursachen dieser Deformationen kann ich nur Vermutungen äußern. So könnten diese durch die Aufzucht bedingt sein (Vitaminmangel?) oder auf genetische Defekte der Alttiere zurückgehen. Ich hatte ja zwei Paare gemeinsam angesetzt und eines der Männchen hatte zumindest eine leicht verwachsene Schwanzflosse. Bei den anderen Tieren ist mir rein optisch nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Zur Problematik der Deformationen hatte sich Martin GRIMM auch mit Jörg LEINE ausgetauscht, der als Ursache für die Flossendeformationen eine bakterielle Beeinträchtigung der Larven für möglich hält. Martin GRIMM schlussfolgerte daraus, dass eine möglichst ,naturnahe“ Aufzucht in Becken mit vielen Pflanzen verhindern könnte, dass sich die Larven auf dem Boden oder an den Scheiben aufhängen, welche bakteriell belasteter zu sein scheinen, als Pflanzen.

Rückblickend kann ich nur sagen, dass die Jungfische beider Ansätze die ersten drei bis vier Wochen in einem bodengrundlosen Aquarium untergebracht waren, in welchem allerdings reichlich Javamoos als Substrat enthalten war. Im Alter von fünf Wochen wurden die Jungfische jeweils in ein Aquarium umgesetzt, in welchem feiner Sand den Boden bedeckte und welches ebenfalls reichlich Javamoos sowie Schwarzwurzelfarn als Substrat enthielt. Bei beiden Aufzuchten war ich im Grunde ähnlich verfahren und bei der zweiten Aufzuchtsgruppe konnte ich keine Deformationen feststellen. Sämtliche Tiere der ersten Aufzuchtsgruppe (also auch die deformierten) schwimmen in einem separaten Becken, sodass gegebenenfalls weitere Beobachtungen vorgenommen werden können. In jedem Fall steht nunmehr ein kleiner Bestand dieser Barbe zur weiteren Verbreitung zur Verfügung.

10Zu guter Letzt wäre noch die Namensfrage zu klären, also mit welcher wissenschaftlichen Bezeichnung man diese Art korrekt ansprechen kann. Leider fehlt bislang eine fundierte Bestätigung, dass es sich bei den mitgebrachten Fischen auch tatsächlich um Barbus lineomaculatus (BOULEGER 1903) handelt. Aus den verschiedensten Gründen ist nämlich die Namensfindung recht problematisch. Wie bereits erwähnt, spielen afrikanische Barben in der Aquaristik so gut wie keine Rolle und folglich finden sich kaum aquaristische Beiträge, im Allgemeinen wie im Speziellen. TEICHENR (1967) stellte in Text und Bild eine afrikanische Barbe als Puntius lineomaculatus vor, die er 1965 von Helmut STALLKNECHT bekam.11

Die Tiere (ein Paar) waren als Beifang in einem Afrikaimport mitgekommen, wobei kein Fundort bekannt war. TEICHNER konnte die Tiere nachziehen. MEINKEN (1967) begutachtete das bei TEICHNER beigefügte Foto und kam nach Auswertung der darauf erkennbaren meristischen Merkmale zu dem Schluss, dass es sich bei der vorgestellten Art nur um Barbus trimaculatus handeln könne. So zeichnet sich Barbus lineomaculatus nach MEINKEN unter anderem dadurch aus, dass diese entlang der Seitenlinie mindestens vier, meist sechs bis sieben, höchstens acht, etwas verwaschene, schwarze, gelegentlich etwas unregelmäßige Flecke zeigt, während bei Barbus trimaculatus lediglich drei etwa gleich große und unverwaschene Flecke zu beobachten sind. Im Mergus-Aquarienatlas findet sich in Band 2 (BAENSCH & RIEHL; 1992) eine Abbildung von Barbus lineomaculatus, die recht gut mit den mitgebrachten Fischen übereinstimmt und auch die in FishBase aufgeführten Abbildungen passen recht gut. Bis zur endgültigen Klärung sollte daher die Bezeichnung Barbus cf. lineomaculatus Verwendung finden.

Eine umfangreiche Bildersammlung auch zu afrikanischen Barben findet sich auf der Website des South African Institute for Aquatic Biodiversity . Leider weisen die aufgeführten Bilder nur eine geringe Bildgröße von etwa 20 kB auf, sodass kaum Details auswertbar sind. Viel problematischer ist jedoch der Umstand, dass es sich wohl hauptsächlich um konservierte Exemplare handelt und man sich daher kaum an deren Zeichnung oder Färbung orientieren kann. Auch hier fanden sich 3 Aufnahmen zu Barbus lineomaculatus, die eine gewisse Variabilität hinsichtlich des Zeichnungsmusters verdeutlichen. SEEGERS (1996) erwähnte in einem Beitrag über Barbus apleurogramma ein recht großes Verbreitungsgebiet und stellt eine gewisse farbliche Variabilität dieser Art fest. Auch in einem Beitrag über Barbus venustus ging SEEGERS (1998) auf verschiedene Populationen ein, die sich farblich deutlich voneinander unterschieden. Da laut FishBase auch Barbus lineomaculatus ein recht großes Verbreitungsgebiet aufweist, denn für die Art werden unter anderem als Herkunftsländer Angola, Ruanda, Kenia, Mozambique, Tansania und Zimbabwe genannt. Zur Herkunft seiner Tiere schrieb mir Martin per E-Mail:

Die Tiere stammen aus Ndolage, Tansania. Der Bugonzi ist ein kleiner Bach, der für ein Wasserkraftwerk aufgestaut wurde. In dem kleinen Stauteich sowie dem Bach oberhalb des Teiches und unterhalb eines 75 Meter hohen Wasserfalls konnte ich die Art fangen. Beifische waren Pseudocrenilabrus multicolor victoriae und Clarias sp.. Hinter einer Straße gibt es eine Art Gumpen mit relativ stillem Wasser. Dort kommen interessanterweise nur Barbus neumayeri und Caridina togoensis vor. Erst weiter unten, auf dem Weg zur Mündung in den Ngono River, gibt es wieder Barbus cf. lineomaculatus. Im Ngono selbst habe ich nie welche gefangen. Einzeltiere habe ich auch in Masaka in den Nabaijuizi Wetlands und in Kalisizo gefangen, dort vergesellschaftet mit Ctenopoma muriei, Pseudocrenilabrus, Lacustricola und verschiedenen anderen Barben. Alle Biotope hatten relativ weiches Wasser mit Leitfähigkeiten unter 100 S/cm und nahezu neutralem pH.

Ob bei Barbus lineomaculatus an den verschiedenen Fundorten auch farblich unterschiedliche Tiere vorkommen, ist bislang nicht bekannt.

12Fazit: Bei den von Martin GRIMM mitgebrachten Barben handelt es sich um leicht zu pflegende und einfach nachzuziehende Fische, die zumindest denjenigen Aquarianern Freude machen werden, die auch an etwas unscheinbaren Pfleglingen Gefallen finden und vielleicht das eine oder andere bislang Unbekannte im Verhalten dieser Barbe erforschen wollen. Da die Art mit sechs Zentimetern ausgewachsen zu sein scheint und untereinander wie auch anderen Fischen gegenüber sehr verträglich ist, sollte auch die Unterbringung und Vergesellschaftung keine Probleme bereiten. Vielleicht gelingt es ja, diese Art für die Aquaristik zu erhalten – zu wünschen wäre es jedenfalls.

Literatur:

BUCHMANN, H. (2006): Laichgitter. DATZ 59 (9) 56-57
BAENSCH, Hans A. & RIEHL, R. (1992): Aquarien-Atlas. Bd. 2. Mergus, Melle
MEINKEN, H. (1967): Eine kleine Richtigstellung. AT (12) 420
SEGERS, L. (1996): Die ostafrikanische Rotflossenbarbe – Barbus apleurogramma.
DATZ 49 (3) 176-180
SEEGERS, L. (1998): Zur Kenntnis von Barbus venustus. DATZ 51 (9) 564-567
TEICHNER, H.-J. (1967): Eine neue afrikanische Barbe stellt sich vor (Puntius lineomaculatus).
AT (2) 65

Kommentar verfassen