Ein Nachtzuchterfolg beim kleinen Schilfsalmler (Hyphessobrycon elachys), oder mein vernachlässigtes Schaubecken

von Manfred Smolis, Gusterath, erschienen im BSSW Report 4-1998

Hyphessobrycon elachys

Hyphessobrycon elachys

Seit ich vor sechs Jahren wieder in die Aquaristik eingestiegen bin, steht in meinem Wohnzimmer, integriert in eine Bücherwand, ein Aquarium von 70 cm Kantenlänge und 75 Liter Inhalt. In meinem kleinen Reich ist das für mich mein Schaubecken. Es ist dicht mit Stengel- und Rosettenpflanzen bewachsen, unter anderem verschiedenen Echinodorus-Arten, Heteranthera zosterifolia und Rotala rotundifolia. Auf der obligatorischen Moorkienwurzel wuchern Vesicularia dubiana und Microsorium pteropus und auf der Oberfläche schwimmen Salvinia auriculata und Azolla filiculoides. Die wechselnde Fischgemeinschaft dieses Beckens besteht aus verschiedenen Salmlern, Bärblingen, Panzerwelsen und Ohrgitterharnischwelsen, die nach dem Motto „klein ist auch und sogar besonders schön” zusammengestellt wird. Die Technik beschränkt sich auf einen im Bypaß betriebenen Topffilter mit einem Gesamtvolumen von sechs Litern, eine Bodenheizung und eine Beleuchtung von 2x 18 Watt. Zeitweise wird eine leichte Kohlendioxid-Düngung aktiviert. Ein Wasserwechsel von ungefähr 25-30% erfolgt etwa alle drei bis vier Wochen, wobei jedesmal gleichzeitig eine starke Auslichtung der üppig wachsenden Pflanzen notwendig ist.

Der kleine Schilfsalmler (Hyphessobrycon elachys WEITZMANN 1985) schwimmt seit Mitte November 1996 in einer Gruppe von 10 Tieren in dem Becken, die ich bei meinem Zoohändler aus einem Schwarm erworben hatte, der von der Fa. Aquarium Glaser, Rodgau eingeführt worden war. Die lebhaften Fische waren zu diesem Zeitpunkt höchstens knapp einen Zentimeter groß. Sie fielen vor allem durch den Kontrast des silbrigen Körpers und der blau leuchtenden Augen auf, waren aber sicherlich noch nicht einmal halbwüchsig. Bei einer Fütterung mit verschiedenen Trocken- und gefriergetrockneten Futtersorten und gelegentlich Nauplien von Artemia salina wuchsen die Schilfsalmler bis zum Mai 1997 zu schönen Tieren heran. Sie zeigten nun die typischen Unterscheidungsmerkmale der Geschlechter: Die Männchen sind etwas hochrückiger und größer (bis 2,5 cm) und haben deutlich länger ausgezogene Rücken- und Bauchflossen, ein Merkmal, das den kleineren (bis 2 cm) und schlankeren Weibchen fehlt. Bei meinen Männchen ist außerdem die Fettflosse vollständig weiß, bei den Weibchen dagegen ist die weiße Flossenfärbung vielfach nur angedeutet. Ob dies ein weiteres, allgemeingültiges Merkmal zur Geschlechtertrennung ist, wie es RIEHL & BAENSCH (1990) anführen, vermag ich, da ich ja nur wenige Tiere pflege, nicht zu sagen.
Meine ausgewachsenen Schilfsalmler hielten sich im Schaubecken immer bevorzugt in der Mitte und im oberen Drittel des Wasserraumes auf. Zeitweise bildeten sie zusammen mit den ebenfalls im Becken gepflegten Corydoras hastatus einen wunderschönen gemeinsamen Schwarm, bei dem man immer zweimal hinsehen mußte, um die beiden Arten zu unterscheiden. Im Laufe der Zeit verminderte sich mein Schwarm durch einzelne Abgänge auf insgesamt acht Tiere im Verhältnis drei Männchen zu fünf Weibchen. Die Schilfsalmler erwiesen sich trotz ihrer Kleinheit als ziemlich robust; eine eingeschleppte Hauttrüber-Infektion, die innerhalb kürzester Zeit meinen kleinen Schwarm Rasbora vaterifloris auslöschte, überstanden sie unbeschadet.
Nachdem die ebenfalls zum Anfangsbesatz gehörendenden Corydoras panda schon mehrmals im Schaubecken abgelaicht hatten und auch einzelne Jungfische abgeschöpft werden konnten, war das Interesse an Zuchtversuchen natürlich auch bei mir nicht mehr zu stoppen. In einem anderen Raum wurde sukzessive eine kleine Zuchtanlage mit fünf Becken von insgesamt nochmals 120 Litern aufgebaut. In diese Becken wanderten nach den Pandas im Mai 1997 auch der Schwarm von 15 Corydoras hastatus, um zu versuchen, den Sichelfleck-Panzerwels, wie schon die Pandas, hier gezielt zur Vermehrung zu bringen.
Konzentriert auf meine Zucht- und Aufzuchtversuche mit den Panzerwelsen, schenkte ich meinem Schaubecken während den folgenden Wochen weniger Beachtung. Die Wasserpflanzen wuchsen ungehindert immer dichter. Vor allem Heteranthera zosterifolia bildete an der Oberfläche ein schließlich etwa zehn Zentimeter mächtiges Dickicht. Das Trugkölbchen blühte sogar, nachdem ich den Wasserstand unter der Deckscheibe um einige Zentimeter abgesenkt hatte, als mir die Knospen aufgefallen waren. Das freute mich, genauso wie meine jungen Panzerwelse in der Zuchtanlage, aber natürlich war mir mein zunehmend vernächlässigtes Schaubecken doch ein Dorn im Auge. Das anstehende Großreinemachen verschob sich aus verschiedenen Gründen aber immer wieder. Auch ein großer Wasserwechsel fand nach dem 21. Juli nicht mehr statt, sondern ich ergänzte nur gelegentlich das Verdunstungswasser.
Die Fische im Schaubecken störte der Wildwuchs und das stärkere Dämmerlicht nicht. Im Gegenteil, die Schilfsalmler waren jetzt die Chefs im Becken und wirkten noch leuchtender als sonst. Außer den H. elachys waren im Becken lediglich noch sechs Otocinclus sp.”Negros” vorhanden; im September 1997 kamen noch fünf Hemigrammus rodwayi hinzu. Nach wie vor wurde von den Schilfsalmlern die mittlere Wassserschicht und das obere Beckendrittel bevorzugt. Der Schwarm stand locker verteilt, aber doch immer als Gruppe, zwischen den unten zunehmend verkahlten Heteranthera-Stengeln. Besonders die beiden größten Männchen jagten sich gelegentlich eine kurze Strecke. Ein festes Revier in einem bestimmten Beckenteil, aus dem alle Konkurrenten immer wieder vertrieben werden, bezogen die Schilfsalmler-Männchen aber nicht. Sowohl beim Imponieren untereinander, als auch als Balzsignal gegenüber den Weibchen präsentierten die Männchen wiederholt in einem Abstand von einem bis wenigen Zentimetern kurz ihre Breitseiten, verbunden mit mehrfachem rythmischem Zittern der langausgezogenen Bauchflossen. Dieses „Flattern” vor den Weibchen hat STALLKNECHT (1994) als typischen Teil der Balz von Salmlern der Gattung Hyphessobrycon beschrieben. Gelegentlich wurde ein Weibchen von einem Männchen auch ganz vorsichtig angestoßen. Die Weibchen verhielten sich, soweit am Tage zu beobachten, den Werbungsversuchen der Männchen gegenüber eher reserviert. Auch ein deutlicher Laichansatz fehlte zunächst. Daß mehrere Männchen ein Weibchen durch das gesamte Aquarium verfolgen, wie es EVERS (1995) für seine Schilfsalmlergruppe beschrieb, konnte ich nicht beobachten, möglicherweise weil bei mir ein anderes Geschlechterverhältnis herrschte. Da ich noch immer vor allem mit meinen Panzerwels-Zuchtversuchen beschäftigt war, verfolgte ich das keineswegs „wilde Treiben” der Schilfsalmler im vernächlässigten Schaubecken zwar sehr interessiert, aber ohne besondere Erwartung.
Während einer abendlichen Fütterung am 12. Dezember 1997 traute ich meinen Augen daher kaum, als zwischen den Eltern plötzlich drei Jungfische von H. elachys auftauchten und sich ihren Anteil an der feingemahlenen Futtermischung aus Flocken, sowie gefriergetrockneten Weißen und Roten Mückenlarven, Cyclops und Wasserflöhen holten. Die unterschiedliche Größe der drei (2x etwa 0.6 cm, 1x etwa 0.9 cm) ließ darauf schließen, daß die Schilfsalmler in der grünen Hölle, zwischen Ende Juli und Ende November, wahrscheinlich des Nachts, doch mindestens zweimal erfolgreich abgelaicht hatten. Beim überfälligen Großreinemachen des Beckens eine Woche später, fand ich nochmals zwei Jungfische von 0,3 cm Größe, aus einem möglicherweise dritten Laichvorgang.
Daß nach dem Ablaichen einige Jungfische auch wirklich aufkommen konnten, lag sicherlich mit an der dichten Planzenmasse im oberen Beckenteil, die von den erwachsenen Salmlern und den Ohrgitterharnischwelsen nicht mehr systematisch durchschwommen werden konnte. Hier konnte sich, besonders im Javamoospolster, eine Kleintierwelt entwickeln, die als Nahrung für wenige Jungfische in den ersten Wochen ausreichte. Solange sie noch im Becken waren, hatten beispielsweise die Sichelfleck-Panzerwelse gerade die Vesicularia-Flächen, trotz regelmäßiger Fütterung, immer eifrig nach Nahrung abgesucht.
Günstig für den Zuchterfolg wirkte sich bestimmt auch das weiche Wasser des Hunsrücks aus, das mit einer Gesamt- und Karbonathärte von eins bei mir aus der Leitung kommt. Ich muß daher eher darauf achten, daß in den Becken kein plötzlicher Säuresturz eintritt. Das erreiche ich durch die Einlage eines kleinen Strumpfes mit Marmorsplitt in die Filtertöpfe. Die aktuellen Wasserwerte des vernachlässigten Schaubeckens betrugen T: 24 °C, pH: 7,2, GH + KH: 2 ° und LF: 340 µS/cm.
In seiner Heimat Südamerika kommt der Schilfsalmler, nach den vorliegenden spärlichen Literaturangaben, in Brasilien und Paraguay vor. Nach EVERS (1995) ist die Art dort endemisch im Gewässersystem des Rio Paraguay. RIEHL & BAENSCH (1990) nennen außerdem den zum Amazonas entwässernden oberen Rio Guaporé. Wie der Beschreibung von MAHNERT (1987) zu entnehmen ist, besiedelt der Schilfsalmler in seinem Verbreitungsgebiet nicht nur Fließ- sondern auch Stillgewässer, wie z.B. die mit ausgedehnten Schilfbeständen bewachsene Laguna Blanca im östlichen Teil des Rio Paraguay-Beckens. Ob daraus eine allgemeine Präferenz der Art für die Schilfgürtel der Gewässer abgeleitet werden kann, wie dies RIEHL & BAENSCH (1990) tun und auch der deutsche Name der Art suggeriert, weiß ich nicht. DITTMAR (1993ff) fand den sehr ähnlichen Dreipunkttetra (Odontostilbe kriegi) als häufigste Salmlerart in allen „Seen, Teichen und Tümpeln” im Einzugsgebiet des Rio Aquidauana im südlichen Pantanal, die zum Ende der winterlichen Trockenzeit im September Stillgewässercharakter aufwiesen. In den meist dicht mit einer reichen Wasserpflanzen- und Sumpfvegetation bedeckten Gewässern kam der Dreipunkttetra in großen Schwärmen von über 100 Tieren in drei verschiedenen Alters- bzw. Größenklassen vor. Das deutet auf eine durchgängige Laichperiode in Zeiten niedrigeren Wasserstandes hin. Das Nahrungsspektrum der Art scheint breit zu sein und neben tierischen auch pflanzliche Bestandteile und Detritus zu umfassen (DITTMAR 1994). Ob sich unter den von DITTMAR beobachteten Dreipunktetras nicht auch der eine oder andere Schilfsalmler befand, kann angesichts der nicht so ganz einfachen Unterscheidung der kleinen silbernen Salmler mit schwarzweißer Schwanzflossenzeichnung wahrscheinlich nicht ausgeschlossen werden (siehe dazu z.B. BAENSCH & RIEHL 1987, RIEHL & BAENSCH 1990, STERBA 1990). Auch MAHNERT (1987) fing in der Laguna Blanca bei Lima beide Arten im gleichen Gewässerteil.
Die wenigen Informationen lassen für H. elachys immerhin eine gewisse Bevorzugung für zeitweise weniger bewegte, dicht bewachsene Gewässertypen erkennen. Mit sehr viel Grün, Dämmerlicht und abgestandenem, stabilem Wasser hatte ich der Art in meinem vernachlässigten Schaubecken ohne große Absicht wohl günstige Bedingungen geschaffen. Das Verbreitungsgebiet des Schilfsalmlers in Südamerika wird zum größten Teil von Savannen unterschiedlicher Ausprägung bestimmt, während subtropische teilimmergrüne Wälder stark zurückgedrängt worden sind (SEIBERT 1996). Stark verallgemeinert gehören die Gewässer dieser Landschaft, bedingt durch die herrschenden standörtlichen und nutzungsgeschichtlichen Faktoren (vgl. SEIBERT 1996) eher zu den etwas mineralreicheren und nicht ganz so stark sauren Typen (z.B. MAYLAND & BORK 1997). Das hat meinen Zuchterfolg mit den Wildfängen bestimmt ebenfalls begünstigt.
HOFFMANN & HOFFMANN (1997) mußten einem Schilfsalmler-Paar gleichermaßen über einen längeren Zeitraum (>6 Wochen) „stabile Verhältnisse” bieten, bevor sie, wie ich, auf ein Mal einzelne unterschiedlich große Jungfische fanden, ohne daß zunächst eine auffällige Balz oder das Ablaichen selbst beobachtet wurde. Die Ausbeute ihrer ersten, trotz Daueransatz im Artenbecken mit ziemlich weichem Wasser
(LF: 100-150 µS/cm), eher zufälligen Nachzucht lag bei 10 Jungfischen. EVERS (in lit.) konnte seinen kleinen Bestand von H. elachys bisher ebenfalls dadurch erhalten, daß in einem kleinen Artenbecken plötzlich einige wenige Jungfische auftauchten. Auch wenn HOFFMANN & HOFFMANN (1997) anschließend bei ihrem Paar bis maximal 14 Tage lange Laichperioden mit täglich 10-100 sehr stark klebenden Eiern beobachteten, gelang die Aufzucht nur dann „ohne allzu große Schwierigkeiten, wenn man stärkere Schwankungen der Wasserwerte vor allem des pH-Wertes vermeidet”. Bei all diesen bisherigen Erfahrungen erscheint mir die Bemerkung „daß es sich bei H. elachys doch um einen eher leicht zu züchtenden Salmler handelt” (HOFFMANN & HOFMANN 1997) wohl eine (noch) zu optimistische Sichtweise zu sein.
Bleibt zu hoffen, daß der Schilfsalmler nicht das gleiche Schicksal wie viele andere Fischarten erfährt, die nach wenigen Jahren bereits wieder aus unseren Becken verschwunden sind. Dazu ist der Schilfsalmler einfach ein zu hübscher und nicht zu anspruchsvoller Zwerg, der die Artenpalette gerade für die Freunde kleiner Fischarten bereichert.

Danksagung:

Für Literaturhinweise und Anmerkungen zum Manuskript gilt mein herzlicher Dank H.-G. Evers, Hamburg

Literatur:

BAENSCH, H. A. & W. RIEHL (1987): Aquarienatlas Band 2. 2. Aufl. Melle, 1212pp.
DITTMAR, W. (1993, 1994, 1996). Zur Fischfauna und Pflanzenwelt des südlichen Pantanals in Brasilien. DATZ 46(4):256-257, 47(4):252-256, 49(1):48-51, 49(2):117-119.
EVERS, H.-G. (1995): Vier kaum bekannte Salmler aus der Gattung Hyphessobrycon. DATZ 48(10):632-634.
HOFFMANN P. & M. HOFFMANN (1997): Hyphessobrycon elachys. DATZ 50 (12):780-781.
MAHNERT, V. (1987): Paraguay, das wiederentdeckte Fisch-Paradies. Das Aquarium 221(11):564-570.
MAYLAND, H.J. & D. BORKk (1997): Zwergbuntbarsche. 1. Aufl. Hannover, 189pp.
RIEHL, W. & H. A. BAENSCH (1990): Aquarienatlas Band 3. 1. Aufl. Melle, 1104pp.
SEIBERT, P. (1996): Farbatlas Südamerika. Landschaften und Vegetation. 1. Aufl. Stuttgart, 228pp.
STALLKNECHT, H. (1994): Man nennt sie Salmler. 1. Aufl. Melle, 160pp.
STERBA, G. (1990): Süßwasserfische der Welt. 2. Auflage Stuttgart, 915pp.

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