Eine Schmerle zum Züchten: die Myanmar-Zwergschmerle (Yunnanilus sp.)

von Georgine SZIPL und Sven VOGLER, Hamburg – erschienen im BSSW Report 4-2007

report-4-2007-artikel-9Schmerlen sind eine sehr erfolgreiche Fischfamilie, die Europa, Asien und Nordafrika mit einer Vielzahl von Arten besiedelt haben. Die meisten Arten bewohnen nur kleinräumige Biotope, viele großräumig verbreitete Formen sind als Komplexe ähnlicher Arten erkannt worden. Ständig werden nicht nur für die Aquaristik, sondern auch für die Wissenschaft neue Arten entdeckt. Zu diesen Neuentdeckungen gehört die hier vorgestellte Art.

Als Begleitfisch der kürzlich beschriebenen Galaxy-Zwergbärblinge (Celestichthys margaritatus ROBERTS, 2007) wird unter anderem eine Schmerle aus der Gattung Yunnanilus erwähnt (ROBERTS 2007, EVERS 2007). Tatsächlich befanden sich in einer Importsendung von nahezu zweieinhalbtausend Celestichthys neben einer Handvoll Microrasbora cf. rubescens einige kleine farblose Fische. Drei davon wurden in unserem heimischen Aquarium von 100 x 40 x 50 Zentimetern untergebracht, das bereits von 20 Celestichthys margaritatus und sechs Hara jerdoni bewohnt wurde. Eine kopfstarke Horde von Zwerggarnelen (Caridina cf. babaulti) sollen als Algenfresser die grünen Fadenalgen kurz halten, trotzdem wuchern diese in dichten Beständen über Limnophila, Vallisneria, Pogostemon und Moorkienholz hinweg.

report-4-2007-artikel-10Das Wasser von etwa 230 S/cm wird von einem Außenfilter, der mit den mitgelieferten Filtermassen der Firma bestückt ist, bewegt. Im Filterkreis befindet sich ein UV-Entkeimer. Kohlendioxid wird über einen Sinterglasausströmer während der zwölfstündigen Beleuchtungsphase (2 x 30 Watt Leuchtstoffröhren in der Abdeckung) zugegeben, die Menge ist nach der Anzeige eines CO2-Dauertests mit Flüssigindikator eingestellt.

Die im Großhandelsbecken farblosen Fische zeigten im Aquarium auf hellem Untergrund eine Zeichnung aus kleinen unregelmäßigen Punkten oberhalb einer aus dichter stehenden Punkten gebildeten dunklen Laterallinie. Ohne Probleme nehmen sie alles in der Größe passende Futter. Wir füttern in erster Linie mit einem feinen Trockengranulat und kleinen Wasserflöhen. Am Leibesumfang versuchten wir bald Geschlechtsunterschiede auszumachen, jedoch ohne Erfolg. Also doch lieber die Frage der Identität klären: Was hatten wir da? Drei Paar Barteln und die Flossenstrahlen hatten wir bei einem Tier im Transportbeutel erkannt. Danach musste es sich um eine Schmerle handeln. Mit dem auf www.fishbase.org zugänglichen Schlüssel für die asiatischen Schmerlengattungen der Familie Nemacheilidae kamen wir auf den Gattungsnamen Yunnanilus. Dies wurde durch die Erstbeschreibung von Celestichthys, in der bei der Biotopbeschreibung die Begleitfische aufgelistet werden, und einen Artikel in der Amazonas (EVERS 2007), in dem ein Männchen abgebildet ist, bestätigt.

Nach einigen Tagen förderte ein Arbeitskollege im Großhandel bei Reinigungsarbeiten eine vierte Schmerle aus dem Filter des Celestichthys-Beckens zutage. Als diese abends in das beschriebene Aquarium zu den anderen Tieren gesetzt wurde, wurde es spannend. Der Neuzugang unterschied sich trotz seiner transportbedingten Blässe durch eine gelbliche Färbung der Schwanzflosse und seine zierlichere Figur von den drei hell grundierten und ziemlich rundlichen bisher vorhandenen. Als eine dieser sein Blickfeld kreuzte folgte er ihr sofort. Es folgten stundenlange ausgedehnte Jagden, bei denen zumeist der Neue eine der Alten verfolgte. Wurde eine eingeholt und erreicht, folgte ein ,Knabbern“ am vorderen Ansatz der Rückenflosse, am Bauch oder am Ansatz der Afterflosse, wobei die ,beknabberte“ Schmerle zuweilen den Bauch durch Drehungen und S-Krümmugen präsentierte. Einmal ließ der Neue dabei ein Geräusch wie knarrendes Leder hören, was zwar leise aber deutlich vernehmbar war. Als sich der Neuzugang am nächsten Tag in einem leuchtenden Orangegelb zeigte und wechselweise mit einer der anderen Schmerlen in den von Fadenalgen überwucherten Vallisnerien verschwand wurde klar, dass es das fehlende Männchen zu den drei bisher gepflegten Weibchen war.

report-4-2007-artikel-11Lange Abende mit Pipette und Lupe in den Händen folgten. Es zeigte sich, dass Balz und Paarung in erster Linie in den Abendstunden stattfinden. Sobald das Männchen einem Weibchen begegnet, nippt es dieses an der Kloake an. In einem Großteil der Fälle dreht es daraufhin ab und lässt das Weibchen in Ruhe. Hat er jedoch bei dieser Aktion eine Partnerin erwischt, die bereits hektisch umherschwimmt, anstatt wie die andere(n) langsam hovernd die Inneneinrichtung zu erkunden, scheint er das zu schmecken. Nun fängt er an, sie hektisch durch das Aquarium zu scheuchen. Auf einem Algen- oder Pflanzenbüschel bleibt sie irgendwann stehen und krümmt sich S-förmig. Nach weiterem Nippen am Nacken des Weibchens – was auch ausbleiben kann – windet er sich so um sie, dass die Kloaken beieinander zu liegen kommen und in diesem Moment werden unter Zittern ein bis drei Eier ausgestoßen. Da das Ganze mit einer „schmerlenartigen“ Hektik in aberwitzigem Tempo abläuft, ist das Fotografieren sehr schwierig. Nach einigen Paarungen nimmt die Begeisterung bei den Partnern langsam ab und sie lassen sich immer öfter ablenken, vor allem von Celestichthys-Weibchen, denen das Männchen immer wieder folgt, oder der Lust auf den eigenen Kaviar. Nicht nur wir beobachteten das Treiben aufmerksam, auch den Galaxy-Bärblingen war wohl klar was ablief und so verschwand ein Großteil der Eier in den Mäulern der Celestichthys.

report-4-2007-artikel-12Die produzierten durchsichtigen sehr schwach grünlich gefärbten Eier besitzen einen Durchmesser von etwa 0,8 Millimetern. Bei der Paarung ausgestoßen fallen sie schnell in Richtung Boden und bleiben meist dort liegen, seltener in den Algen. Nach einigen Minuten werden sie klebrig und haften dann an der Unterlage. Durch mehrmaliges ,Anpusten“ mit der Pipette lassen sie sich lösen, ein erneutes Festkleben findet nur noch, wenn überhaupt, sehr schwach statt. Aus Platzmangel wurden die Eier in einem schwimmenden Artemia-Sieb untergebracht. Die Eier entwickeln sich sehr schnell. Bei 28 °C Wassertemperatur schlüpfen die Larven bereits nach 24 Stunden. Solange der Dottersack noch vorhanden ist, liegen sie meist auf der Seite oder hängen mit einer Kopfseite an der Wand oder an Pflanzen. Nach 24 bis 36 Stunden fangen die Larven an, herum zu schwimmen. Als Erstfutter wurde ausgesiebtes Plankton (in erster Linie Rädertiere und Cyclops-Nauplien) angeboten und gut angenommen. Erste Tote ließen vermuten, dass die Larven auf Bio-Filme sehr empfindlich reagieren. Sorgfältiges Sauberhalten der Aufzuchtbehälter schaffte hier Besserung. Die freischwimmenden Jungfische schießen bei Störungen sehr hektisch herum. Nach einigen solchen Bewegungen bleiben sie meist abrupt im Mulm oder an Pflanzenteilen stehen und sind optisch nur schwer wieder zu finden. Im Alter von etwa sechs Wochen beginnt sich die Flankenzeichnung zu bilden. Die kleinen Fische sind dann etwa elf Millimeter groß.

report-4-2007-artikel-13In der Erstbeschreibung von Celestichthys margaritatus wird auf die offensichtlich nahe Verwandtschaft mit der im Inlé vorkommenden „Microrasbora“ erythromicron hingewiesen und in diesem Zusammenhang die These aufgestellt, dass sich beide Formen aus einem gemeinsamen Vorfahr entwickelt haben könnten. Aufgrund der starken Ähnlichkeit könnte es sich unserer Meinung nach bei der hier beschriebenen Myanmar-Zwergschmerle und der Inlé-Schmerle (Yunnanilus brevis) um ein auf dieselbe Weise evolutionär getrenntes Paar handeln. Eine Theorie, die aber erst durch ausführliche Untersuchungen bestätigt werden könnte.

Die Myanmar-Zwergschmerle wurde unseres Wissens nach noch nicht gezielt, sondern lediglich als Beifang importiert. Nachdem die Regierung von Myanmar Anfang März 2007 ein Exportverbot für Celestichthys margaritatus verhängt hat, ist es unwahrscheinlich, in naher Zukunft weitere Schmerlen zu erhalten. Umso erfreulicher ist daher die geglückte Nachzucht zu sehen, die hoffentlich die Erhaltung dieser Art für Hobby und Wissenschaft ermöglicht.

Literatur

EVERS, H.-G. (2007): Schnell, schneller, am schnellsten. – AMAZONAS 3(3): 51-53.

ROBERTS, T. R. (2007): The ,celestial pearl Danio“, a new genus and species of colourful minute cyprinid fish from Myanmar (Pisces: Cypriniformes). – Raffles Bull. Zool. 55 (1): 131-140.

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