Gruppe Schmerlen

Ein unendlicher Krimi?

Wieviele Schmerlen(familien) gibt es?

von Gerhard Ott, Flensburg

Nach herkömmlichem Verständnis gibt es in der Ordnung Cypriniformes zwei Überfamilien, nämlich Cyprinoidea (Karpfenähnliche) und Cobitoidea (Schmerlenähnliche). Innerhalb der Cyprinoidea gab es nur eine Familie, die der Karpfenfische (Cyprinidae); deren Einteilung in Unterfamilien übrigens auch eine spannende Angelegenheit ist. Wie sich die Familienstruktur der Schmerlenähnlichen darstellt, wurde zwar schon mehrfach diskutiert, aber die Grenze zwischen wissenschaftlicher Analyse und Glaubenssystem ist hier manchmal fließend.
Die molekulargenetische Analyse von ŠLECHTOVÁ et al. (2007) kommt zu folgendem Ergebnis: Neun Abstammungslinien wurden identifiziert. Fünf davon decken sich mit den bisher bekannten Familien Cyprinidae (Karpfenfische), Catostomidae (Sauger), Gyrinocheilidae (Saugschmerlen), Cobitidae (Steinbeißer) und Balitoridae (Plattschmerlen); eine Abstimmungslinie bildet die kürzlich aufgestellte Familie Botiidae (Prachtschmerlen). Zwei weitere Abstammungslinien legen es nahe, die Nemacheilidae (Bachschmerlen) und Vaillantellidae (Langflossenschmerlen) als eigene Familie zu etablieren. Dabei bilden die fünf erstgenannten (Balitoridae, Nemacheilidae, Cobitidae, Vaillantellidae und Botiidae) die Schmerlen (engl. „loaches“) im engeren Sinne innerhalb der Cobitoidea. Die Gyrinocheilidae und Catostomidae stehen – zu den Cobitoidea gehörig – den Karpfenfischen am nächsten. Eine solche Familienstruktur hat sich in den letzten Jahrzehnten bei diesen Fischen auch aufgrund der morphologischen Systematik herausgestellt. Dabei wurde und wird wohl auch weiterhin von dem einen oder anderen Bearbeiter die eine oder andere Stellung diskutiert werden. An einer Familie Botiidae für die „Prachtschmerlen“ und einer Familie Vaillantellidae für die „Langflossenschmerlen“ (schon von NALBANT & BANARESCU 1977 vorgeschlagen!) bestehen immer weniger Kritikpunkte, wenn überhaupt noch.

Kladogramm der Cobitoidea

Kladogramm der Cobitoidea

Die systematische Stellung einiger anderer „Schmerlen dagegen bleibt spannend. Die Spindelschmerlen der Gattung Psilorhynchus können als Schwestergruppe der Cyprinidae (Karpfenfische) verstanden werden. Der aquaristisch auch übliche umgangssprachliche Begriff für diese Fische, nämlich Himalajabärblinge anstelle von Spindelschmerlen, nahm das sozusagen intuitiv vorweg. Als eigene Familie Psilorhynchidae mochten ŠLECHTOVÁ et al. (2007) die Himalajabärblinge oder Spindelschmerlen nicht aufführen, obschon die klassische morphologische Systematik diese Fische so versteht (NELSON 2006).
Die Schmerlen aus der Gattung Serpenticobitis sehen auf den ersten Blick aus wie nemacheilide Schistura, haben aber einen Unteraugendorn wie er bei Cobitidae und Botiidae typisch ist, weshalb ihre Stellung innerhalb der Prachtschmerlen schon mehrfach wissenschaftlich diskutiert wurde. Nach der molekulargenetischen Arbeit von ŠLECHTOVÁ et al. (2007) landen sie (ebenso wie die Gattung Barbucca) bei den Balitoridae. Damit wäre dann der Unteraugendorn kein exklusives Merkmal mehr für Cobitidae und Botiidae, sondern es gäbe innerhalb der Balitoridae mindestens eine Gattung, nämlich Serpenticobitis, mit einem Unteraugendorn. Über das Merkmal Unteraugendorn und seine systemative Bedeutung darf eifrig diskutiert werden. Erst weitere Untersuchungen dürften hier Klarheit bringen.
Es bleibt spannend. Vertreter der Gattung Vaillantella (Familie Vaillantellidae) sind aquaristisch hochinteressant. Vertreter der Gattung Serpenticobitis (Familie Balitoridae?) wären aquaristisch hochinteressant. Ob schon jemand eine Barbucca (Familie Balitoridae?) lebend gesehen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vertreter der Gattung Yunnanilus (Familie?) oder gar Ellostopoma (Unterfamilie Ellopostominae oder Familie Ellopostomidae?) waren in den Studien nicht berücksichtigt. Morphologie, Verbreitung und Verhalten von Yunnanilus machen diese Fische zu einer Gruppe, deren systematische Stellung intensiver untersucht werden sollte. Alle Stammbäume sind Hypothesen. Niemand konnte bei der Evolution zuschauen und die Vorgänge protokollieren. Das macht die nachträgliche Rekonstruktion so spannend. Ein biologischer Krimi sozusagen. Und eine fast unendliche Geschichte.

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… Artikel und Literatur zu Barben.

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