International Loach Conference 2010 in Prag

Im Jahr 2010 lagen zwei Veranstaltungen für Schmerleninteressierte zeitlich dicht zusammen, aber räumlich weit auseinander. Erstens: Die Jahrestagung der IG-BSSW in Mannheim vom 3.9. bis 5.9., die die Aquarianer der Regionalgruppe Rhein-Main hervorragend organisiert und durchgeführt haben. Zweitens: Vom 31.8. bis zum 3.9. fand in Prag die International Loach Conference 2010 statt.  Beide Veranstaltungen überlappten sich leicht. Annegret wollte sich fast eine Woche Prag unter Schmerlenfanatikern nicht antun, sollte aber bei der Jahresverhauptversammlung der IG-BSSW als Finanzverwalterin dabei sein. Somit fuhr ich mit dem Auto am 30.9. nach Prag, Annegret flog in der Woche zu einer Tante nach Liederbach bei Frankfurt, ich sammelte Sie – von Prag kommend – am Freitag, den 3.9. dort auf und weiter gings zur IG-BSSW-Jahrestagung und am Sonntag wieder zurück nach Frankfurt. Beide Veranstaltungen haben 2.500 Kilometer auf der Autobahn und 800 Kilometer in der Luft gelohnt. In der Hoffnung, dass sich jemand findet, der einen ausführlichen Bericht über die Jahrestagung schreibt, berichte ich hier über die International Loach Conference (ILC) 2010 (obwohl ich nicht das einzige BSSW-Mitglied dort war).

Die internationale Schmerlentagung ILC fand vor zehn Jahren das erste Mal statt, war damals noch eine reine Steinbeißer-Tagung, bei der es ausschließlich um die Biologe von Fischen aus der Familie Cobitidae (zumeist Cobitis und Sabanejewia) ging. Die diesjährige Tagung befasste sich erstmalig mit allen Schmerlen, die mittlerweile in zahlreiche Familien eingeteilt werden: Balitoridae (Plattschmerlen), Nemacheilidae (Bachschmerlen), Ellopostomatidae (Schlürfschnuten), Cobitidae (Steinbeißer), Vaillantellidae (Langflossenschmerlen), Botiidae (Prachtschmerlen), Gyrinocheilidae (Saugschmerlen) und Catostomidae (Wimpelschmerlen). Petr Ráb begrüßte fast hundert Teilnehmer, die von Weltweit zwischen Tokio und Flensburg, Moskau und Singapur – angereist waren. Dreißig Vorträge und ebenso viele Posterpräsentationen waren in der Tagungssprache Englisch zu bewältigen.

Den ersten Hauptvortrag hielt Kenji Saitoh aus Yokohama, Japan über die Biogeogeografie und die stammesgeschichtliche Einordnung der Schmerlen (Cobitoidea) innerhalb der Karpfenfische (Cypriniformes), wobei die Zuhörer immer wieder die Ermahnung zu hören bekamen, keinem einzelnen (molekulargenetischen) Stammbaum zu trauen („don’t trust a particular tree“). Zurecht wies Saitoh darauf hin, dass die „trees“ natürlich von der molekulargenetischen Methode einerseits und der mathematischen Auswertung andererseits abhingen und deshalb stets im Zusammenhang mit biogeografischen, ökologischen und morphologischen Befunden zu interpretieren sind. Das hat den zweiten Hauptvortragenden Maurice Kottelat aus Cornol in der Schweiz dazu bewogen, in seiner Präsentation über Schmerlenvielfalt auf Endungen wie „-idae, -inae, -ini“ gleich ganz zu verzichten; seinem Plädoyer für eine exaktere morphologische Nomenklatur der Boti-. Nemacheili-, Balitori- und so weiter kann man nur zustimmen. Der Vortrag des „Godfather of Loaches“ (so der Chairman Jörg Freyhof) informierte darüber, dass bald die tausendste valide Schmerlenart beschrieben sein dürfte, wobei etliche unbeschriebene Arten bereits in den Regalen von Sammlungen und Museen stehen. Somit war es nur konsequent, dass der dritte Hauptvortrag von Heok-Hui Tan aus Singapore sich mit der Vielfalt und Spezialisierung von Plattschmerlen (Balitoridae) befasste, der den Formenreichtum dieser Fischgruppe und die Schwierigkeiten ihrer Erfassung betonte. Die rätselhaftesten Schmerlen stammen alle aus Südostasien: Barbucca, Ellopostoma, Serpenticobitis und Vaillantella; fast alle sind schon im BSSW-Report vorgestellt worden (Kühne & Ott 2010, Seidel 2010).

Die einzelnen Vorträge und Posterpräsentationen spannten den Bogen von Studien über die Ökologie von Schmerlen in der Natur, zahlreichen molekulargenetischen Untersuchungen und die Wiederentdeckung verschollen geglaubter Arten, der Beschreibung neuer Gattungen (Microcobitis) bis zur praktischen Identifizierung von Individuen für faunistische oder ethologische Forschungen. Dazu haben auch BSSW-Mitglieder beigetragen (Hoyer 2010, Ott 2010).

Einer von vielen Vorträgen

Jörg Bohlen (der auch Mitglied der IG BSSW ist) hat zusammen mit seiner Frau Vendula Šlechtová und Petr Ráb (alle vom Institute of Animal Physiology and Genetics der Academy of Sciences of the Czech Republic in Libechov eine wichtige und inspirierende Tagung organisiert. Auf die nächste dürfen sich „cobitoideophiles“ und „loachaholics“, also Schmerlenfreaks, schon freuen.

Weitere Bilder von Milan Petrtýl hier.

Literatur:

Bohlen, J.; Ráb, P. & L. Kalous (2010): International Loach Conference 2010. Book of Abstracts. Prague, Czech Republic, 98 pp. – Hoyer, R. (2010): Schmerlen in Myanmar – ergänzende Bemerkungen.  BSSW-Report 22 (3), 7-22. – Kühne, J. & G. Ott (2010): Ellopostoma mystax, eine seltene Schmerle (Cobitoidea, Ellopostomatidae).  BSSW-Report 22  (2), 16-21. – Ott, G. (2001): Einige Erläuterungen zu dem Beitrag  Die systematische Stellung der Gattung Serpenticobitis.  BSSW Report 13(1):11-15. – Ott, G. (2010). Redescription of Homaloptera ripleyi (Fowler, 1940) from Sumatra, Indonesia (Teleostei: Balitoridae). Bull. Fish Biol. [in print].

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