Schmerlen der Gattung Acanthocobitis Peters, 1861

Von Steven GRANT, Castleford/England, übersetzt von Gerhard OTT – erschienen im BSSW-Report 3-2008

Das Ziel dieses Beitrags ist es, von jeder Art der Gattung eine Abbildung vorzustellen und den Lesern die neue Untergattung Paracanthocobitis GRANT (20007) vorzustellen. Eine Revision der Gattung Acanthocobitis ist überfällig. Es ist anzunehmen, dass nach einer Revision weitere Arten erkannt und beschrieben sein werden.

PETERS (1861) beschrieb mit der Erstbeschreibung von Acanthocobitis longipinnis PETERS, 1861 eine neue Schmerlengattung. Viele Jahre wurde die Gattung Acanthocobitis als Synonym anderer Gattungen angesehen, dann als Untergattung betrachtet und seit 1989 als gültige Gattung eingestuft. Zur Zeit der Erstbeschreibung war die Gattung Acanthocobitis monotypisch; das heißt, es gab nur die Typusart in der Gattung. Damals schon wurde A. longipinnis von einigen Autoren als Synonym von A. botia (HAMILTON, 1822) angesehen, weshalb die Gattungsmerkmale von Acanthocobitis bei A. botia gesucht wurden. Nach GRANT 2007a ist A. longipinnis kein Synonym von A. botia, sondern ein Synonym von A. pavonacea (McCLELLAND, 1839). A. pavonacea ist anderen Acanthocobitis ähnlich, aber deutlich von diesen zu unterscheiden. Deshalb wurden die anderen Acanthocobitis in die neue Untergattung Paracanthocobitis GRANT, 2007 gestellt. Tabelle 1 listet die Merkmale auf.

Paracanthocobitis GRANT, 2007 Acanthocobitis PETERS, 1867
Unteraugenlappen horizontal oder fehlend (stattdessen eine Rinne) Unteraugenlappen diagonal bis fast senkrecht angeordnet
Unteraugenlappen bei einigen Exemplaren nicht vergrößert Unteraugenlappen bei einigen Exemplaren vergrößert
Schwanzflosse gerundet, abgeschnitten oder leicht einbuchtet Mittlere Flossenstrahlen der Schwanzflosse verlängert, sodass diese zugespitzt erscheint
After näher zur Vorderkante der Afterflosse als zur Vorderkante der Bauchflossen After näher zur Vorderkante der Bauchflossen als zur Vorderkante der Afterflosse

Acanthocobitis (Acanthocobitis) pavonacea (McCLELLAND, 1839)

Diese Art kann von den anderen Arten leicht unterschieden werden. Sie hat eine zugespitzte Schwanzflosse, einen schlanken Körper, eine lange Rückenflosse und ist grünlich-grau gefärbt. Sie erreicht eine Standardlänge von 16 Zentimetern. Sie ist bekannt aus Assam – dem Brahmaputra-Flusssystem und vielleicht auch dem Ganges-System. Sie ist leicht zu pflegen und gegenüber anderen Fischen friedlich. Wie alle Vertreter der Gattung hat sie beim Fressen großen Appetit und frisst lebendes und getrocknetes Futter gleichermaßen.

Acanthocobitis (Paracanthocobitis) botia (HAMILTON, 1822)

Diese Art wurde auch als Cobitis bimucronata McCLELLAND, 1839 oder Canthrophrys unispina SWAINSON, 1839 bezeichnet. A. botia ist die in der Aquaristik am häufigsten anzutreffende Art. Manchmal hört man, es gäbe mehrere Arten oder Unterarten beziehungsweise seien alle mehr oder weniger Synonyme. So kann es sein, dass sich einige Formen, die bisher als A. botia angesprochen wurden, als eigene Arten herausstellen. Das angebliche Verbreitungsgebiet umfasst eine sehr große Fläche und verschiedene Flusssysteme. Weitere Forschungen an dieser Gruppe sind erforderlich. Zurzeit können als Synonyme angesehen werden:

Cobitis arenata VALENCIENNES, 1840 – aus Indien

Cobitis turio HAMILTON, 1822 (Cobitis argentata und Cobitis gibbosa) – aus dem Brahmaputra in Goalpara, Indien.

Cobitis bilturio HAMILTON, 1822 (unnötiger Ersatzname: Cobitis ocellata) – ebenfalls aus dem Brahmaputra in Goalpara, Indien.

Nemacheilus mackenziei CHAUDHURI, 1910 – bekannt von verschiedenen Orten in Nordindien.

Nemacheilus rubidipinnis mandalayensis RENDAHL, 1948 – aus Mandalay, Burma.

Ich sehe Botia nebulosa BLYTH, 1860 nicht als Synonym von A. botia. Tatsächlich nehme ich an, dass es sich nicht einmal um eine Acanthocobitis handelt (vgl. GRANT 2007b, S. 18-20). Siehe dazu auch die Diskussion bei der nächsten Art.

A. botia kann von anderen Arten der Untergattung Paracanthocobitis (möglicherweise außer A. sinuata) unterschieden werden, weil der Unteraugenlappen, ,suborbital flap“, bei den Männchen fehlt und nur eine Rinne, ein Grat unter dem Auge vorhanden ist. Sie unterscheidet sich von A. sinuata, A. mooreh und A. aurea durch eine längere Seitenlinie, die nicht bereits bei der Rückenflosse endet. Das Zeichnungsmuster und die Verbreitungsgebiete sind ebenfalls unterschiedlich. A. botia scheint sich von A. urophthalmus zu unterscheiden, indem bei Männchen von A. urophthalmus keine Unteraugenlappen erscheinen und auch äußerlich keine Unteraugen-Rinne zu erkennen ist. Die Aussage stützt sich auf konserviertes Material ohne bekannten Fundort und muss noch weiter untersucht werden. Aufgrund der angenommenen Synonyme ist A. botia in Indien, Nepal, Pakistan, Bhutan, Bangladesh, Thailand und Burma verbreitet.

Obwohl diese Art andere Aquarienbewohner offensichtlich in Ruhe lässt, sind mir artinterne Streitereien bekannt, die durch zu zerfetzten Flossen führen können. A. botia wurde von Rick MAU im Aquarium vermehrt.

bssw-report-3-2008-10* 1: Schmerlen der Gattung Acanthocobitis PETERS, 1861
a) Acanthocobitis (Acanthocobitis) pavonacea, Foto: Steven GRANT.
b) Erstbeschreibung Cobitis mooreh, Reproduktion: Gerhard OTT.
c) Acanthocobitis (Paracanthocobitis) botia, Foto: Emma TURNER.
d) Acanthocobitis (Paracanthocobitis) urophtalmus, Foto: Emma TURNER.
e) Acanthocobitis (Paracanthocobitis) zonalternans, Foto: Mick WRIGHT.
f) Acanthocobitis (Paracanthocobitis) rubidipinnis,
Foto: Kamphol UDOMRITTHIRUJ.
g) Acanthocobitis (Paracanthocobitis) sinuata, Foto: Rahul KUMAR.
h) Nemacheilus aureus nach DAY 1878. i) Nemacheilus sinuatus nach DAY 1878.

Acanthocobitis (Paracanthocobitis) mooreh (SYKES, 1839)

Diese Art wurde als Cobitis mooreh SYKES, 1839 beschrieben. Die andere Schreibweise des Artnamens als moreh ist meiner Meinung nach eine später fälschlich angewandte oder eine unnötige Änderung. SYKES schreibt klar mooreh gestützt auf die einheimische Bezeichnung Mooreh für einige Schmerlenarten (SYKES 1841). Von einigen Autoren wird sie als Synonym von A. botia verstanden, andere (MENON 1987) betrachten sie als eine gültige Art von Nemacheilus BLEEKER, 1863. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass MENON Acanthocobitis nicht als eigene Gattung, sondern als Untergattung zu Nemacheilus aufführt.

Unglücklicherweise ist die Erstbeschreibung von A. mooreh sehr kurz, selbst wenn man alle drei Veröffentlichungen zusammen nimmt, in denen SYKES die Art beschreibt und später erwähnt. Eine Abbildung gibt es nicht und nach Eschmeyer 2008 auch kein konserviertes Material. Bei einer Durchsicht der Einträge in der Sammlung des Britischen Museums für Naturgeschichte fand ich Material aufgeführt unter der Nr. BMNH 1880.2.2.109 aus ,Dukhun“, welches der Name ist, den SYKES für Deccan benutzte und die Exemplare wurden von SYKES gesammelt. Wer auch immer die Gattung Acanthocobitis revidieren wird, müsste dieses Material untersuchen (ich tat es nicht), um zu sehen ob darunter Syntypen sind. Aufgrund der Wortwahl in den Texten von SYKESs dürfte die Beschreibung aufgrund eines der sieben Exemplare erfolgt sein. Die Exemplare dürften nicht gekennzeichnet sein und es kann sein, dass die Bezeichnung aufgrund einer späteren Gabe an das Museum geändert wurde, sodass es nicht die Typen enthält; aber all das müsste untersucht werden.

Auf der Grundlage von SYKES hat A. mooreh zwölf Strahlen in der Rückenflosse (so wie damals gezählt wurde, wahrscheinlich zwölf insgesamt), der Kopf ist gegenüber Nemacheilus mehr gerundet und die Schwanzflosse ist keilförmig. Ich betrachte diese Art als Acanthocobitis, nicht als Nemacheilus. SYKESvstellt fest, die Art sei kleiner als eine Nemacheilus, die er ebenfalls beschreibt, sodass er möglicherweise ein junges Exemplar beschrieben hat. Er schreibt, dass A. mooreh mehr dunkle Flecken als Nemacheilus hat. 1841 beschreibt er die gegeneinander alternierende Quermusterung auf dem Körper nicht an der Seitenlinie entlang arrangiert und nicht über den Rücken gehend. Die Flossen seien leicht orange gefärbt. Ursprünglich beschrieb er die Art aus Deccan in Indien, 1841 nennt er als Fundort den Mota Mola Fluss bei Poona. Der Fluss Mutha und der Fluss Mula treffen sich bei Poona (oder Pune) in dem indischen Staat Maharashtra und heißt dann Mula-Mutha, was wahrscheinlich der Mota Mola von SYKES ist. Dieser Fluss fließt dann in den Bhima, welcher ein Zufluss des Krishna ist. Diese Information ist wichtig, denn sie engt den Fundort von A. mooreh ein, so dass zukünftig hoffentlich vorliegendes Material aus dem Krishna-System mit dem aus dem Brahmaputra-System (aus dem das Typusmaterial von A. botia stammt) verglichen werden kann.

Weiterhin könnte dann Material aus anderen Flusssystemen, welches jetzt als Synonyme angesehen wird, verglichen werden. Nemacheilus aureus DAY, 1872 wurde von Jabalpur in Indien beschrieben, was heißen könnte, dass dieses Material aus dem Narmada-Fluss stammt. N. aureus wird zurzeit als Synonym von A. botia angesehen und hat gewiss ähnliche oder gleichzahlige Flossenstrahlen, der Narmada-Fluss liegt aber deutlich nördlicher als das Krishna-System. Die Abbildung von N. aureus bei DAY sieht sehr nach Acanthocobitis aus; sollte sich diese Art als eigenständig und valide herausstellen wäre es Acanthocobitis (Paracanthocobitis) aurea (DAY, 1872). Vergleiche dazu das bei A. sinuata (DAY 1870) Gesagte zur weiteren Diskussion der Zusammenhänge. MENON 1987 stützt sich für A. mooreh auf Material aus Gewässern bei Aurangabad, Maharashtra, Indien. Obwohl ich nicht ganz sicher bin, wäre dies Material aus dem Godavari-System. Wenn das der Fall ist, wäre es aus einem gänzlich anderen System als A. mooreh, A. aurea und A. sinuata. Obwohl MENON Material von Poona (Krishna-System) und den Nilgiri-Bergen (Kaveri-System) hat, hat er es nicht näher untersucht, sodass diese Untersuchungen und weitere mit Material aus des Flüssen Brahmaputra, Ganges, Narmada, Godavari, Tapti, Kaveri und Krishna noch ausstehen.

Beim Typusmaterial von A. aurea endet die Seitenlinie auf Höhe des Endes der Rückenflosse, bei A. sinuata auf der der Mitte der Basis oder dem Ende der Rückenflosse. A.-mooreh-Material von Poona hat nach DAY 1878, S. 614 und 615 eine unvollständige Seitenlinie, welche bei A. botia vollständig ist oder etwa auf Höhe der Afterflosse endet (KOTTELAT 1990, HAMILTON 1822 bei C. turio). Selbst wenn man die unterschiedliche Verbreitung, die Zählwerte und Zeichnungsmuster betrachtet, könnte es sein, dass A. mooreh, A. sinuata und A. aurea eine Art darstellen, was A. mooreh zum gültigen Namen machen würde.

Acanthocobitis (Paracanthocobitis) sinuata (DAY, 1870)

Ursprünglich als Nemacheilus sinuatus von Wayanad in Indien beschrieben, wird dieser Name als jüngeres Synonym von A. mooreh behandelt. Aufgrund der Schwierigkeiten der Identifizierung von A. mooreh kann man sich dessen nicht sicher sein. Ich meine, sie von A. botia deutlich zu unterscheiden, wenn man die Fotos, die Rahul KUMAR von Exemplaren aus Wayanad, Kerala, Indien gemacht hat, anschaut. Die Exemplare stammen aus dem Kaveri- oder Cauvery-Flusssystem, genauer dem Kabini-Fluss. Wie schon erwähnt hat A. sinuata eine ähnlich kurze Seitenlinie wie A. mooreh, kommt jedoch aus einem anderen Gewässersystem. Außerdem unterscheidet sich die Flossenformel D 2/8-9 gegenüber D 2-3/9-10 bei A. mooreh.

Acanthocobitis (Paracanthocobitis) urophthalmus (GÜNTHER, 1868)

Diese Art wird von KOTTELAT 1990 als jüngeres Synonym von A. botia betrachtet. Dagegen stufen MENON 1987 und PETHIYAGODA 1991 sie als eigene Art ein, besonders aufgrund der Tatsache, dass sie von der Insel Sri Lanka stammt. Von importiertem Material ist zu erkennen, dass Männchen keinen Unteraugenlappen und auch keine Rinne unter dem Auge haben. Weitere Untersuchungen an Material von der Insel Sri Lanka sind erforderlich.

Acanthocobitis (Paracanthocobitis) rubidipinnis (BLYTH, 1860)

Ein jüngeres Synonym dazu ist Cobitis semizonata BLYTH, 1860. Dies ist eine bis acht Zentimeter Körperlänge erreichende robuste Art, die ziemlich aggressiv gegenüber anderen Schmerlen sei kann, besonders bei der Fütterung. Sie stammt aus Burma. Normalweise ist entsprechend des Artnamens eine rote Färbung in den Flossen zu erkennen, was auch bei A. botia und A. urophthalmus zu beobachten ist. Von den anderen Arten der Untergattung Paracanthocobitis ist sie durch 14 bis 16 Flossenstrahlen in der Rückenflosse zu unterscheiden.

Acanthocobitis (Paracanthocobitis) zonalternans (BLYTH, 1860)

Es ist fraglich, ob Noemacheilus phuketensis KLAUSEWITZ, 1957 ein Synonym ist. Diese Art ist von aus Indien (Manipur), Burma und Thailand (bis nach Phuket, wenn die Synonymie zutrifft) verbreitet. Sie soll angeblich auch in Bangladesh (RAHMAN 2005) gefunden worden sein, aber das muss noch bestätigt werden. Es ist möglich, dass die verschiedenen Populationen sich nach eingehender Prüfung als Arten oder Unterarten herausstellen (KOTTELAT 1990). Diese Art ist von den meisten Vertretern der Untergattung Paracanthocobitis durch eine kurze Seitenlinie, die nicht die Höhe des Endes der Bauchflossen erreicht unterschieden. Gegenüber A. botia, A. mooreh und A. sinuata ist der Unteraugenlappen der Männchen vorhanden und die Seitenlinie ist kürzer.

Danksagungen

Ich bedanke mich bei Emma TURNER, Kamphol UDOMRITTHIRUJ, Mick WRIGHT und Rahul KUMAR, dass sie ihre Bilder bereitgestellt haben und bei Roy BLACKBURN, dass ich seine Fische fotografieren durfte. Gerhard OTT übersetzte dieses Manuskript dankenswerterweise ins Deutsche. Dank an James MACLAINE von Naturkundemuseum in London, der mir bei SYKES‘ Literaturquellen half und die Etiketten des BMNH ,Dukhun“-Material durchsah.

Literatur

DAY, F. (1878): The fishes of India; being a natural history of the fishes known to inhabit the seas and fresh waters of India, Burma, and Ceylon. Fishes India Part 4: i-xx + 553-779, Pls. 139-195.

ESCHMEYER, W. N. (2007): Catalog of Fishes, online version (updated 29/1/08).
http://research.calacademy.org/research/ichthyology/catalog/fishcatsearch.html

GRANT, S. (2007a): A new subgenus of Acanthocobitis PETERS, 1861 (Teleostei: Nemacheilidae). – Ichthyofile, Number 2, Part 3, pages 1-9.

GRANT, S., (2007b): Fishes of the genus Botia GRAY, 1831, in the Indian region (Teleostei: Botiidae). – Ichthyofile, Number 2 (CD version), 1-39.

KOTTELAT, M. (1990): Indochinese nemacheilines. A revision of nemacheiline loaches (Pisces: Cypriniformes) of Thailand, Burma, Laos, Cambodia and southern Vietnam. – München: Dr. Friedrich Pfeil. 262 S.

MENON, A. G. K. (1987): The fauna of India and the adjacent countries. Pisces. Vol. IV. Teleostei – Cobitoidea. Part 1.

Homalopteridae. – Zoological Survey of India. i-x + 1-259, Pls. 1-16.

PETHIYAGODA, R. (1991): Freshwater fishes of Sri Lanka. – The Wildlife Heritage Trust of Sri Lanka: 1-362.

RAHMAN, A. K. A. (2005): Freshwater Fishes of Bangladesh. – The Zoological Society of Bangladesh: iv-xviii + 1-394.

SYKES, W. H. (1839): On the fishes of the Deccan. – Proc. Zool. Soc. Lond. 1838 (pt 6): 157-165.

SYKES, W. H. (1839): An account of the fishes of Dukhun. – Ann. Mag. Nat. Hist. (N. S.) v. 4 (no. 21): 54-62.

SYKES, W. H. (1841): On the fishes of the Dukhun. – Trans. Zool. Soc. Lond. v. 2: 349-378, Pls. 60-67.

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