Wie „macht“ man Hyphessobrycon elachys – Erste Versuche mit einem bezaubernden Salmler

von Marc Schnau, Dörverden – erschienen im BSSW Report 1-2007

Auf der Suche nach einer kleinen Salmlerart, vor allem aber weil sich meine Frau auf die Suche nach roten Pfeffersalmlern (Axelrodia riesei) machen wollte, fuhren wir im Sommer 2005 nach Oldenburg in das Aquaristik-Fachgeschäft Aqua-Design. Wir fuhren in genau dieses Geschäft weil es uns als eine Ausnahmeerscheinung unter den Aquaristik-Geschäften empfohlen wurde. Es sei nur am Rande erwähnt, dass sich diese Empfehlung als nur zu richtig bewahrheitete – es ist kaum möglich dort ohne mindestens eine Fischtüte herauszukommen, sehr empfehlenswert!

Letztendlich entschied sich meine Frau dazu, besagte Axelrodia riesei käuflich zu erwerben. ,So geht es ja nicht“ dachte ich mir und stöberte weiter nach einer hübschen kleinen Besonderheit für das 200-Liter Becken. In einem kleinen Aquarium jenseits der großen Verkaufsanlage befanden sich einige kleine, recht zart wirkende Salmler zusammen mit einer Gruppe kleiner Rasbora. Das Schild am Becken wieß die Tiere als ,Schilfsalmler – Hyphessobrycon elachys“ aus. Diese Art wurde es dann auch, fünfzehn Schilfsalmler befanden sich eine Stunde später auf der Fahrt Richtung Dörrenden.

Umzug

Die Schilfsalmler wurden in besagtes 200-Liter-Becken eingesetzt. Die ersten Gesellschafter waren ein Apistogramma sp. ,Vielfleck“, sowie fünf Hypancistrus sp. L 333. Hier fühlte sich die Salmlertruppe offensichtlich wohl. Die Wassertemperatur schwankte zwischen 25 und 27°Celsius. Das Wasser war bei nicht nachweisbarer Karbonathärte und 3,5 bis 4° dGH weich und mit einem pH von 6,0 leicht sauer. In diesem Bereich werden bei uns die meisten Becken gefahren, wobei der pH-Wert ja nach Bedarf mittels Torf bis auf pH 4,3 gedrückt wird. Um es vorweg zu nehmen, wirklich prächtig sahen die Hyphessobrycon elachys erst aus, nachdem sie in deutlich kühleres Wasser (ca. 23° Celsius) verbracht wurden. Nachzuchterfolge stellten sich in diesem Becken nicht ein; dieses war zu dem damaligen Zeitpunkt auch noch nicht geplant.

Einige wenige Worte zur Ernährung. Anfänglich wurden die Schilfsalmler, wie bei uns alle anderen Fische auch, hauptsächlich mit Frostfutter versorgt. Dabei kamen weiße und schwarze Mückenlarven, Cyclops, Bosmiden und Artemia ins Aquarium. Alle Sorten wurden gern genommen. Wesentlich interessanter wurde es aber, nachdem wir die Ernährung unseren omnivoren und carnivoren Fische auf 100% Lebendfutter in Form von selbst gefangenen weißen und schwarzen Mückenlarven, Cyclops und Wasserflöhen umstellten. Schilfsalmler sind beeindruckende Jäger, selbst die jüngsten Tiere mit nicht einmal 20 Millimeter Standardlänge holen sich Mückenlarven – auch wenn das bedeutet, dass sie in der folgenden halben Stunde schwer beschäftigt sind und Mühe haben, die Beute herunter zu schlingen. Dabei wird äußerst effizient zur Tat geschritten, ganz anders als zum Beispiel die Apistogramma guttata, welche recht geziert und umständlich zur Sache gehen.

Erster Zuchtversuch

Zum Einsatz kam ein speziell zum Zweck der Salmlerzucht von Gerd Arndt [1] hergestellter Behälter mit eingebautem Luftheberfilter, Laichrost etc.. Dieses Zuchtbecken hat die Maße 40 · 30 · 25 cm, ist mit einem herauszunehmenden Laichrost und darunter mit einer, ebenfalls herauszunehmenden, schiefen Ebene ausgestattet. Laichen nun die Fische, so sollen die Eier durch das Rost auf diese Ebene fallen und von dort nach rechts hinunter rollen. Dort können die Eier dann abgesaugt werden. Bedingt durch diese Konstruktionsart steht den Fischen ein Schwimmraum von 25x25x5 cm zur Verfügung.

Als Laichsubstrat wurde ein Büschel Javamoos eingebracht, das Wasser kam aus dem ,Heimatbecken“ der Salmler. Drei Beckenseiten sind isoliert, die obere Seite wurde mittels einer dunklen Folie leicht abgedeckt, so dass es im Becken sehr schummerig war. Eine kleine Gruppe (3,3) wurde in diesen Behälter umgesetzt … und ab ging die Post! Ich war sehr erschrocken, welche Kreativität die Schilfsalmler bei dem Versuch an den Tag legten sich selbst schnellstmöglich ins Jenseits zu befördern. Ein Exemplar unterstrich die Springfreudigkeit der Art indem es sich sofort mit einem beherzten Sprung Richtung Fußboden entfernte, die anderen fünf Tiere versuchten sich durch das Laichgitter zu bohren. Erst nach ungefähr einer Stunde legte sich die Aufregung ein wenig. Immer wieder aber kam es zu dem Versuch, an den Seiten des Laichgitters entlang nach unten abzutauchen.

Von da an standen die Salmler fünf Tage lang meist hinten an der Rückwand. Es konnte nicht ein einziger Laichgang beobachtet werden, weder im Javamoos, noch sonst irgendwo in dem Becken ließen sich Eier ausmachen. Befanden sich keine Personen im Raum, schwammen einzelne Fische auch bis an die Frontscheibe; bei der kleinsten Bewegung zogen sich alle blitzschnell zurück. Der Versuch wurde ergebnislos abgebrochen und die Fische zurück gesetzt.

Zweiter Zuchtversuch

Der nächste Anlauf fand wiederum in diesem Becken statt; jetzt wurde das Laichgitter und die schiefe Ebene entfernt. Stattdessen wurde eine flache Glasschüssel, bezogen mit schwarzem Fliegengitter, in das Becken gestellt. Oben drauf das obligatorische Büschel Javamoos, Regenwasser ins Becken, Salmler hinterher und warten. Diesmal blieb das Verhalten gemäßigt. Nach anfänglichem Versteckspiel im hinteren Bereich des Beckens wurden die Bangbüxen mutiger und nutzten das ganz Becken. Laichvorgänge konnten aus purem Zeitmangel nicht beobachtet werden. Es fanden sich allerdings einige wenige Eier. Trotz der Verwendung von Erlenzapfen war ich aber leider nicht in der Lage ein Verpilzen der Eier zu verhindern, geschweige denn auch nur eine einzige Larve zum Schlüpfen zu bewegen.

In einem 54-Liter-Becken war die Gruppe putzmunter und zeigte keinerlei Scheu. Ich konnte immerwieder Laichvorgänge beobachten; allerdings kamen auch hier keine Jungfische durch. Aus verschiedenen Gründen mussten die später auf neun Exemplare reduzierten Tiere für wenige Wochen mit einem, exklusiv ihnen vorbehaltenen 12-Liter-Becken vorlieb nehmen. Die Einrichtung bestand aus einer kleinen Wurzel mit aufgebundenem und sehr wild wuchernden Javamoos, sowie eine lichten Schwimmpflanzendecke (Sumatrafarn). Gefüttert wurden getümpelte Cyclops, weiße Mückenlarven und ab und an Artemia-Nauplien. Hier entdeckte ich erstmals im Frühjahr 2006 zwei Jungfische. Die Freude war groß, die Hoffnung auf weitere Jungfische auch. Allerdings blieb es bei diesen zwei Exemplaren.

Sommerfrische

Im Frühjahr wurde im Garten ein sechseckiger Komposter mit einem Inhalt von 500 Litern aufgestellt. Mit einem günstig erworbenen Reststück Teichfolie wurde der Komposter ausgekleidet, der Druck der 500 Liter Wasser wurde durch zwei umlaufende Kevlarleinen mit einer Nennbruchlast von 750 kp aufgefangen. Auf eine Isolierung dieses Behälters verzichteten wir, eine Abdeckung war ebenso wenig vorgesehen. Um eine etwas gefälligere Optik zu erreichen kam eine auf Maß geschnittene Reetmatte zum Einsatz. Als Bodengrund wurde Quarzsand ca. 1,5 cm hoch eingefüllt; etwas Laub, Binsen, zwei größere Ballen Javamoos und große Mengen Froschbiss vervollständigten die Bepflanzung. Dazu kamen noch einige Wurzeln welche wir in einem Erlenbruch gesammelt hatten.

500 ltr. Wasser

500 ltr. Wasser

Nachdem Mitte Mai die Nachttemperaturen immer noch im deutlich einstelligen Bereich lagen wurde der Termin des Erstbesatzes Woche für Woche verschoben. Am 13. Juni war es dann endlich soweit, morgens um 5 Uhr hatte das Wasser noch 20 °C. Nach einer kurzen Temperaturanpassung wurden die letztendlich verbliebenen acht Fische umgesetzt. An diesem Außenaquarium wurden nicht groß herum gebastelt. Es gab keinerlei Technik, bis zum Oktober wurden fünfmal in geringen Mengen Lebendfutter gegeben. Und das, obwohl im Laufe der folgenden Wochen noch einige Apistogramma trifasciata und Mimagoniates microlepis notgedrungen den Weg in den ,Pott“ nahmen.

Weder von den Hyphessobrycon elachys, noch von den Apistogramma haben wir in den folgenden Wochen sehr viel sehen können, wohingegen die M. microlepis hoch aktiv durch das Wasser sausten. Meiner Meinung nach ein Fisch für echte Stoiker, mich machen sie innerhalb kürzester Zeit ziemlich verrückt. Im Laufe der Zeit tauchten noch einige Teichmolche, Wasserspinnen, Wasserasseln und anderes kleine Getier auf. ,Überraschungsgäste“ für deren Einbringung wir wohl durch die Wurzeln aus dem Bruchwald selbst gesorgt hatten. Die Temperaturen stiegen auch an den sehr heißen Tagen des vergangenen Sommers tagsüber nicht über 28 °C. Gleichzeitig gab es nur wenige Nächte in denen sich die Wassertemperatur bis morgens um fünf Uhr über 20 °C halten konnte, meist lag sie leicht darunter.

Kompostbehälter als Salmlerbiotop

Kompostbehälter als Salmlerbiotop

Am 10. Oktober wurde abends abgefischt. Nachts bewegte sich die Temperatur stark abwärts, am Abend des Fischzuges waren es gegen Mitternacht noch ganze 13 °C. Es wurde also wirklich Zeit. Mit Hilfe zweier Kescher, einem 500W-Strahler und starken Nerven wurden die Fische heraus gefangen. Die Mimagoniates waren schnell erwischt, schwieriger wurde es da schon mit dem restlichen Besatz. Also wurde der ,Pott“ vollständig ausgeräumt, der Wasserspiegel bis auf zehn Zentimeter abgesenkt. Von den Schilfsalmlern waren nur noch vier Tiere auffindbar und von denen hielt uns eines noch fast eineinhalb Wochen in Atem, bevor wir es unter amüsierter Anteilnahme einer Besucherin erwischen konnten. Die A. trifasciata haben sich erfolgreich vermehrt, hier konnten wir alle ursprünglich eingesetzten Fische sowie den Nachwuchs heraus holen. Grundsätzlich habe ich wirklich noch nie so prächtige Fische gesehen, wie jene welche wir in den ungefähr vier Monaten im Garten hielten. Allerdings war es meiner Meinung nach ein grober Fehler, außer den H. elachys noch weitere Arten in das Behältnis zu setzen. Vor allem die Mimagoniates haben jede Chance auf eine Vermehrung zunichte gemacht

Wie geht es weiter?

Durch einen glücklichen Umstand konnte ich Mitte November 2006 meinen Bestand erweitern. Über die Firma Mimbon-Aquarium [2] wurden mir 22 Schilfsalmler [3] bestellt. Derzeit schwimmen diese zusammen mit acht Apistogramma guttata und einigen Hypancistrus sp. L 399 in einem größeren Gemeinschaftsbecken. Zum kommenden Frühjahr wird diese Gruppe geschlossen in einen 500 Liter fassenden Miniteich im Garten wandern. Dieser wird exklusiv mit den Hyphessobrycon elachys besetzt; zum Herbst 2007 wird gezählt, diesmal hoffentlich mit einem positiven Ergebnis. Diese Gruppe hat mir übrigens schon in den ersten Tagen gezeigt, das der Wille zur Vermehrung durchaus vorhanden ist. Es wurde gebalzt und gelaicht. In diesem Becken besteht leider keine Möglichkeit den Laich zu sichern, sodass hier kein Ei vom Hunger der Insassen verschont blieb.

Bedingt durch die Vergesellschaftung der neu erworbenen Schilfsalmler mit einer Gruppe Hypancistrus sp. L 399 werden momentan allabendlich ,Welstabletten“ als Futter in das Becken gegeben. Während der ersten Fütterungen mit den Tabletten fingen auch die Apistogramma an, von diesen zu fressen. Stets neugierig beäugt von mindestens 15 kleinen Augenpaaren. Irgendwann näherte sich ein Salmler langsam, das Alpha-Männchen der Apistogramma-Gruppe reagierte mit einem blitzartig durchgeführten Scheinangriff. Durch die Vehemenz dieser Attacke wurde ein wenig von der langsam zerfallenden Tablette aufgewirbelt. Die lauernden Salmler machten sich sofort über das Futter her.

Mittlerweile folgt die abendliche Welsfütterung einem festen Ablauf. Die Futtertabletten sinken ab und landen im Sand; die Apistogramma nähern sich als erste und picken am Futter. Ein bis drei Salmler (niemals mehr Tiere!), nähern sich dem Futterplatz. Die Apistogramma fühlen sich offensichtlich gestört und attackieren den Spähtrupp. In dem Moment bewegen sich circa zehn bis zwölf weitere Schilfsalmler zu dem Platz und beginnen in Windeseile die von den Apistogramma aufgewirbelten Futterteilchen zu fressen. Kehren die Apistogramma zurück, verzieht sich die Hauptgruppe und das Spiel beginnt von Neuem. Dieses wiederholt sich bis zum Ausschalten der Beleuchtung.

Quellen und Links

[1] http://www.aquarienbastelei.de

[2] http://www.mimbon.de

[3] Sollte jemand zufällig Kenntnis über die Herkunft dieser Lieferung haben würde ich mich sehr über eine kurze Nachricht an marc(at)netzgeist.org freuen.

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